Medienpräsenz - 23.01.2011

Die Muslime in der Schweiz streiten über den "richtigen" Islam

Der Bund will ein ständiges Muslimforum gründen. Konservative und liberale Muslime disputieren heftig, wer die muslimische Gemeinschaft repräsentiere.


Von Verena Vonarburg, Bern

«Das ist eine Pionierleistung der Schweiz zur Konfliktbewältigung.» Farhad Afshar, praktizierender Muslim, der konservativen Seite zuzurechnen, ist des Lobes voll, wenn es um die Gespräche zwischen Muslimen und Bundesvertretern geht, die seit Annahme des Minarettverbots intensiv geführt werden. Auch Mario Gattiker, stellvertretender Direktor des Bundesamts für Migration und Leiter des Muslimdialogs, ist zufrieden mit dem, was man erreicht hat. «Alle Seiten haben sich zusammengerauft. Es war bisher ein sehr interessanter und fruchtbarer Prozess.»

Man konnte sich laut Gattiker auf einen Bericht einigen, der zurzeit in Konsultation bei Bundesstellen ist. Es geht zum einen darum, dass sich die Muslime zu den Prinzipien der schweizerischen Bundesverfassung bekennen. «Massgebend ist ein gemeinsames rechtsstaatliches Verständnis. Darum haben wir sehr lange gerungen», sagt Gattiker. Festgehalten wurde etwa, dass Karikaturen zulässig sind, soweit sie nicht die Menschenwürde verletzen. Es ging auch um das Recht Homosexueller, ihre Neigung auszuleben. Und auch um die verfassungsmässig gewährleistete Gleichstellung der Geschlechter, um das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und um den Minderheitenschutz. Auf der anderen Seite präsentierten die muslimischen Vertreter ihre Anliegen: die Möglichkeit, ihre Religion angemessen ausüben zu können, das Recht auf eine der Religion entsprechende Bestattung oder eine Ausbildung von Imamen.

Da sich gezeigt hat, dass die meisten dieser Anliegen nicht vom Bund, sondern kantonal geregelt werden müssen, hat man sie im Bericht ausgeklammert. Man will dafür künftig die Kantone und auch Gemeinden mit in den Dialog einbeziehen. Und man möchte den bisher eher informellen Gesprächen einen institutionellen Rahmen verschaffen, möglicherweise eine eigenständige Konferenz, wie Gattiker sagt. Das muss letztendlich der Bundesrat entscheiden.

Der Muslimdialog wird zwar von allen ausdrücklich begrüsst, niemand verhehlt aber, dass die Gespräche zum Teil wegen unterschiedlicher Ansichten unter den Muslimen selbst sehr harzig verliefen. Man habe zum Beispiel darüber gestritten, ob man von verschiedenen Ausprägungen des Islams sprechen könne, sagt Saïda Keller-Messahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam. Die konservative Seite habe sich dagegen gewehrt, die Bundesvertreter hätten aber darauf gepocht, dass Vielfalt eine wichtige gesellschaftliche Komponente sei. Namentlich Farhad Afshar von der Koordination Islamischer Organisationen habe «bei allem, was von unserer Seite kam, ziemlich arrogant reagiert». Die Konservativen würden sich gegen das Recht auf Selbstbestimmung des Menschen stemmen. Afshar wiederum wirft Keller-Messahli vor, Vorurteile über den Islam wie Gewaltbereitschaft und Frauenfeindlichkeit zu schüren. Ihre Gruppe sei ohnehin nicht in der islamischen Basis verankert.

Afshar macht bereits klar, dass er es nicht für opportun hält, wenn liberale Vertreter wie Keller-Messahli in einem definitiven Islamforum mit dabei wären. «Sie vertritt antiislamische Positionen der SVP. Genauso gut könnte man die SVP an den Tisch holen.» KellerMessahli reagiert darauf ebenso dezidiert: «Herr Afshar ist ein Antidemokrat, er ist nicht dialogfähig.» Aufgrund ihrer Erfahrung könne sie «mit Sicherheit sagen, dass ein grosser Teil der Muslime sich mit unserer fortschrittlichen Haltung identifiziert.»

Aus: Tages-Anzeiger, 22.1.2011

Bereich für Mitglieder und Vorstand

Member-Login