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Wenn Muslime Islamwissenschaften studieren


Den Koran hinterfragen

Warum einige Muslime einen Kulturschock erleben, wenn sie Islamwissenschaften zu studieren beginnen.

Von Anna Gesine Kneifel

Es mag ja vielen Erstsemestern so gehen, dass ihr gewähltes Studienfach ein wenig anders daherkommt, als sie sich das so vorgestellt haben. Besonders groß allerdings ist oft die Kluft zwischen Vorstellung und Wirklichkeit bei Studenten, die Islamwissenschaften studieren und selbst muslimischen Glaubens sind.

So berichten nicht wenige Professoren von Studienanfängern, die sich nach Vorlesungen über kritische Koran-Auslegungen beschweren, die aus Protest Seminare verlassen und nur noch den Arabisch-Unterricht besuchen, um den Koran selbst im Original lesen zu können.

Sie sind einem Missverständnis aufgesessen: Sie glaubten, die deutsche Islamwissenschaft sei eine Art islamische Theologie, die den Islam aus bekennender Perspektive behandele, berichtet Lutz Richter-Bernburg, Professor am Orientalischen Seminar der Universität Tübingen. Nicht eine säkulare Wissenschaft, die sich kritisch mit der Religion, Kultur und Geschichte des Islams auseinandersetzt.

Oft handelt es sich um Studenten, die neben den Seminaren an der Universität auch Korankurse in den Moscheen besuchen. Die Unterschiede zwischen den jeweiligen Lehrinhalten sind groß, häufig nicht vereinbar. Ein Konflikt, den eine Studentin so löste, indem sie, wie sie sagt, den »nicht muslimischen Dozenten einfach keinen Glauben mehr schenkt«. Es sind die Studenten, die zusammenzucken, wenn in den Einführungskursen vom Propheten Mohammed gesprochen wird, ohne dass sich an seinen Namen die traditionelle Segensformel anschließt.

Gudrun Krämer, Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin, berichtet von einem Studenten, der verlangte, dass auch der Arabisch-Unterricht an der Uni allein auf der Grundlage des Korans gehalten werden sollte. Sogar ein Lehrbuch hatte er dafür geschrieben.

Es mögen Einzelfälle sein, aber sie finden sich in fast allen Seminaren der Islamwissenschaft . Den Anteil der Muslime unter ihren Studieren den schätzen manche Professoren auf ein Viertel, manche auf die Hälfte. Die Mehrheit von ihnen hat keine Probleme mit dem wissenschaftlichen Umgang mit dem Islam. Wahr sei zudem, dass es auch den Übrigen meist nach ein bis zwei Semestern gelinge, zumindest nach außen hin, zwischen eigenem religiösen Empfinden und der wissenschaftlichen Betrachtung zu unterscheiden, sagt Richter-Bernburg.

Eine Studentin sagt, dass ein Nichtmuslim den Koran gar nicht korrekt erklären könne. Würde er den Koran nämlich verstehen, wäre er längst konvertiert, wäre also Muslim.

Eine Haltung, die auch bei manchen muslimischen Doktoranden in den Islamwissenschaften zu beobachten ist. Sie scheuen theologische Fragestellungen und greifen lieber auf geschichtliche oder literarische Themen zurück. Dabei werden Muslime, die über ein religiöses Thema promoviert haben, dringend gesucht, entstehen in Deutschland doch gerade auf Empfehlung des Wissenschaftsrats an mehreren Hochschulen Zentren für Islamische Studien, wie etwa in Tübingen, Osnabrück und Münster. Neben Lehrkräften für den islamischen Religionsunterricht sollen dort auch islamische Religionsgelehrte und der wissenschaftliche Nachwuchs für islamische Studien ausgebildet werden. Im Gegensatz zu den Islamwissenschaften ist es also tatsächlich ein Theologiestudium. Das geeignete Personal hierfür zu finden erweist sich aber als schwierig. Bülent Ucar, Inhaber des Lehrstuhls für islamische Religionspädagogik in Osnabrück, rechnet damit, dass die Lehrstühle für einige Jahre mit ausländischen Gastdozenten besetzt werden müssen. »Es wird händeringend nach Musliminnen und Muslimen gesucht, welche die Lehre zumindest in Bezug auf die Imam-Ausbildung übernehmen können.«

Aus: Die Zeit, 10.2.2011

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